06.11.2022

Offener Brief an die Vereine durch dem Verbandsschiedsrichter-Ausschuss

Autor / Quelle: Bernd Domurat

Bernd Domurat beim JSR -Turnier 2020 in Nienburg mit einem Hildesheimer Schiedsrichter

Liebe Vereinsvertreterinnen,
liebe Vereinsvertreter,

für den Verbandsschiedsrichter-Ausschuss wende ich mich in einer sehr ernsten Angelegenheit an Sie. Die Anzahl der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter in Deutschland, und so auch in Niedersachsen, ist seit Jahren rückläufig. Im Niedersächsischen Fußball-Verband (NFV) waren im Jahr 2019 7.548 Schiedsrichterund Schiedsrichterinnen aktiv. Im Jahr 2020 war die Anzahl mit 7.510 schnell konstant. Mit heutigem Stand leider nur noch 6.198.

Ja, wir haben immer noch zahlreiche Unparteiische, Assistentinnen und Assistenten aus dem NFV, die im
Profibereich und auch international tätig sind, unsere Aushängeschilder. Ja, wir haben Vereine und Kreise,
in denen seit Jahren eine tolle Nachwuchsarbeit betrieben wird. Der Gesamttrend ist jedoch leider klar
und nicht zu leugnen. Insbesondere an der Basis, dort, wo der Fußball herkommt, in den Spielklassen der
Kreise, dort speziell auch in der Jugend, fehlen uns immer mehr aktive Schiedsrichterinnen und
Schiedsrichter.
Die Ursachen sind gewiss vielfältiger, auch gesellschaftlicher Natur. Wesentliche Gründe sind sicherlich
auch die zunehmende Respektlosigkeit, Unfairness und leider auch Gewalt gegen unsere Unparteiischen.
Unlängst mussten wir eine sehr traurige Zahl vernehmen: In der Saison 2021/2022 gab es in Deutschland
so viele Spielabbrüche wie nie zuvor. Bei der Hälfte davon war der Schiedsrichter von Gewalt betroffen.
Prüfen Sie selbst Ihre eigenen Erfahrungen, liebe Vereinsvertreterinnen und Vereinsvertreter, was
manchmal rein verbal in den Spielklassen, insbesondere auch im Jugendbereich, auf, aber auch neben
dem Platz los ist. Die meisten jungen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter verlieren wir im ersten Jahr
nach ihrer Prüfung, weil sie sich das nicht mehr antun wollen. Und wenn ein Schiedsrichter bei Einem
Verein Gewalt erleben muss, dann ist das eine schlimme Erfahrung, die ihn lange, womöglich das ganze
Leben lang, begleiten wird.
Der NFV-Verbandsschiedsrichter-Ausschuss wird und WIRD diese Entwicklung niemals hinnehmen. Mit
diesem Schreiben möchten wir an Sie, die wichtigsten Akteure an der Basis appellieren und Sie auch in
die Pflicht nehmen. Sorgen Sie auf Ihrem Sportgelände ohne Kompromisse für Fairplay und respektvollen
Umgang. Tätlicher Gewalt geht eine verbale Radikalisierung voraus. Wenn SIE entsprechendes Verhalten
auf dem Sportplatz feststellen, dann müssen die entsprechenden Personen vom Gelände entfernt werden
– auch als klares Signal nach außen. Es geht nicht darum, Emotionen zu unterbinden, diese gehören zu
unserer schönsten Nebensache der Welt, zu unserem Fußballsport, dazu. Beschimpfungen, Beleidigungen
und Bedrohungen haben indes rein gar nichts mit Emotionen zu tun – wer beschimpft, beleidigt oder
bedroht, hat auf unseren Sportplätzen nichts zu suchen.
Bei jeder Form von Gewalt gilt eine absolute Null-Toleranz-Linie. Wenn ein Schiedsrichter oder ein
Assistent Gewalt erfährt, dann führt das zum sofortigen Spielabbruch – egal, wann der Vorfall geschieht.
Das gilt im Übrigen auch dann, wenn Gegenstände auf die Unparteiischen geworfen Werden – das Spiel
ist dann sofort zu Ende, auch wenn der Vorfall kurz vor Spielschluss stattfinden sollte.
Der Niedersächsische Verbandsschiedsrichter-Ausschuss appelliert an Sie, liebe Vereinsvertreterinnen
und Vereinsvertreter: Unterstützen Sie unsere Unparteiischen durch Anerkennung und Respekt für ihre
schwere Aufgabe. Setzen Sie sich entschlossen und kompromisslos auf Ihren Sportplatz für Fairplay ein.
Unterstützen und schützen Sie insbesondere unsere jungen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter –
Denken Sie daran: Jeder und jede hat mal angefangen und kann nicht gleich perfekt sein.
Es gibt in Niedersachsen zahlreiche positive Beispiele, zahlreiche Vereine, die sich ohne Wenn und Aber
vor, während und nach dem Spiel für die Unparteiischen einsetzen, egal, wie das Endergebnis lautet. Es
gibt in Niedersachsen zahlreiche Vereinsvertreterinnen und -vertreter, die sich vorbildlich um die
Schiedsrichter und die Schiedsrichter-Teams kümmern, sie begleiten und ggf. auch unterstützen, wenn es
nötig ist. Es gibt hochengagierte Vereinsvertreter, die sich darüber hinaus in den Ausschüssen oder im
Sportgericht engagieren und in diesen Funktionen Woche für Woche für Fairplay sorgen. Diese Menschen
sind für den NFV-Verbandsschiedsrichter-Ausschuss absolute Vorbilder. An dieser Stelle daher auch ein
großer Dank dafür – Sie sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass wir in den Kreisen überhaupt noch
Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter haben, die mit Freude Woche für Woche zu den Spielen fahren.
Wir werden die Thematik im Verbandsschiedsrichter-Ausschuss und auch im NFV-Präsidium weiter
behandeln – auch beraten, wie wir noch effektiver im Schulterschluss mit Ihnen in den Vereinen, mit den
Spielinstanzen, Spiel- und Jugendausschüsse sowie Sportgerichte vorgehen können. Es WIRD verstärkt
präventive Maßnahmen geben Wann, öffentlichkeitswirksame Maßnahmen wie jetzt den verzögerten Spielbeginn
, aber es WIRD sicherlich auch verstärkt repressive Maßnahmen gegen Unfairness, verbale und
tätliche Gewalt geben müssen.
Sollten Sie aus Ihrem Verein positive Beispiele für nachhaltiges Engagement für Fairplay, Anerkennung
und Akzeptanz haben, scheuen Sie sich nicht, diese uns bekannt. Lassen Sie es uns als gemeinsame
Aufgabe verstehen, den Fußball fair und damit attraktiv zu gestalten – auf dass er die schönste
Nebensache der Welt bleibt

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Seite zuletzt aktualisiert am: 28.11.2022

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